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Dorothea Schrade

Ausstellung 2020 - Die Bilder meiner Mutter - Dorothea Schrade

Dorothea Schrade
Biografie

1943 geboren in Reutlingen

1960–66 künstlerische Ausbildung an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart bei Prof. Christoph Schellenberger und privat bei der Malerin Gudrun Trieb

1967 Geburt des Sohnes Daniel

1968 Gründung der Missener Werkkurse; Seminar für Aufbaukeramik, Marionettenbau, Malerei und Zeichnung auf Hofgut Missen bei Wangen im Allgäu

1972 Heirat mit dem Galeristen Ewald Schrade mit Sohn Sebastian · Umzug ins Alte Schloß in Kißlegg

1973 Geburt des Sohnes Tobias · Gründung der Schloßhofgalerie, Kißlegg · Weiterführung der Werkkurse bis 1980, dann werden die Kursräume zum Atelier

1974–79 Mitorganisation der Winterakademie Schloß Kißlegg

1983 Beginn der Selbstversorgerlandwirtschaft mit eigenen Kühen

1985 Umzug mit Atelier nach Schloß Mochental · Gründung der Galerie Schloß Mochental, Ewald und Dorothea Schrade

1986 Erste großformatige Mohnbilder entstehen als Folge des Reaktorunfalls in Tschernobyl

1989–93 Zweitatelier auf der Kapfenburg, Ostalb

1991 auf der Terrasse in Mochental entsteht ein Lehmhaus in Massivlehmbautechnik als von innen gestaltete plastische Form

1992 Kauf und Rückbau eines alten Hauses in Uigendorf in traditioneller Lehmbautechnik als Atelierhaus

1999 Bushglass-Workshop bei Nani Croze in Kenia · Stipendium in der Pouch Cove Foundation in Neufundland · Wanderausstellung durch Neufundland und USA · Maltanzperformance mit Gabriele Fischer, Inzmühlen · Akteurin im italienischen Pavillon bei der Biennale in Venedig · Gründung Europäisches Frauenforum Illereichen, mit Workshops von internationalen Dozentinnen aus allen Kunstsparten

2000 Umzug mit Atelier nach Illereichen · Scheidung · Gründung der Galerie Dorothea Schrade für zeitgenössische Kunst, schwerpunktmässig von Frauen · Malaktion zur Einführung des Euro, Dresdner Bank, Ulm

2001 Gründung Museum und Galerie am Bussen im Atelierhaus in Uigendorf · Veranstaltung des Symposiums "Brücken nach Russland" mit sechs russischen Frauen aus Kunst und Wissenschaft und einer Ausstellung "Osteuropäische Künstlerinnen in Deutschland" · Malperformance zugunsten inzestgeschädigter Kinder, Zonta Club, Stuttgart 

2002 Gründung der Freien Kunstschule Illereichen

2003 erste Vergabe des Kunstpreises Europäisches Frauenforum mit dem seither jährlich eine Künstlerin ausgezeichnet wird · ein Wohnprojekt für Künstlerinnen in der geplanten Kulturstiftung Illereichen scheitert am Widerstand des Gemeinderates · Suche nach einem neuen Domizil

2004 nach einschneidender Krankheit Aufgabe der Selbstversorgerlandwirtschaft 

2005 Umzug in das alte Pfarrhaus Diepoldshofen bei Leutkirch im Allgäu und vorsichtige Grundsanierung des unter Denkmalschutz stehenden Gebäudes; ab jetzt der Hauptsitz der Galerie Dorothea Schrade und des Frauenforums für Kunst und Kultur e.V. mit jährlich zahlreichen Foren, Vorträgen, Konzerten und Lesungen 

2010 Einrichtung des Pferdlemuseums im gegenüberliegenden Schulhaus · Gründung des Künstlerhauses zum Adler in Diepoldshofen; das ehemalige Gasthaus steht unter Denkmalschutz und wird zusammen mit weiteren Künstlern behutsam entkernt und saniert und seitdem als Ateliers genutzt 

2012 Durchführung einer 3-tägigen Malaktion mit sieben Künstlerkolleginnen im großen Saal des Künstlerhauses zum Adler, es entsteht ein 30 Meter langes Bild

2015 Organisation der Aktion "15 Minuten musizieren für Frieden und Toleranz", bei der ein Jahr lang jeden Mittwoch über 120 Musizierende am Dorfbrunnen in Diepoldshofen auftreten 

2016 Organisation der Gedenkfeier für Abbe Franz Joseph Bullinger mit Ausstellung, Konzerten, Lesung und Tanz. Er war Vertrauter der Familie Mozart, der von 1803–07 die Pfarrei in Diepoldshofen inne hatte und im Pfarrhaus gelebt hat

2019 Malaktion mit Kindern an der Grundschule Reichenhofen, bei der der Eingangsbereich ausgemalt wird

2020 Veröffentlichung "Oh Fortuna, du Luder - Geschichten aus meinem Leben" 

 

Ausstellungen

1971 Galerie der Landessparkasse Reutlingen

1982 Schloßhofgalerie Lindau · Internationaler Kunstmarkt Düsseldorf [G]

1983 Städtische Galerie Kornwestheim · Art 83 Basel [G] · Internationaler Kunstmarkt Köln (art Cologne) [G]

1984 Galerie Kocken, Kevelaer · Art 84 Basel [G] · Internationaler Kunstmarkt Köln (art Cologne) [G]

1985 Art 85 Basel [G] · Städtische Galerie Aalen · Gale- rie im Durchgang, Firma Merkle, Blaubeuren

1986 Kunsthaus Schaller, Stuttgart · Schloßhofgalerie Lindau

1987 Galerie Haus Geiselhart, Reutlingen (Katalog) · Galerie Grogg, Olten/Schweiz

1988 Fresco, Café der Staatsgalerie Stuttgart

1989 Kunstverein Pforzheim · Galerie Schloß Mochental (Katalog)

1990 Fresco, Café der Staatsgalerie Stuttgart

1991 Galerie Wild, Lahr (Katalog) · Rathaus Galerie Balingen · Galerie Schloß Mochental, Künstlerinnen
aus Baden-Württemberg [G]

1992 Landesgirokasse Stuttgart, Künstlerinnen aus Baden-Württemberg [G]

1993 Galerie Schrade, Lindau · Galerie Haus Geiselhart, Reutlingen (Katalog) · Galerie Peter Fischinger, Stuttgart · internationale Kunst Messe BIDART, Bergamo, (Italien) [G]

1994 Atelier Inge Sauren, Eupen/Belgien · Galerie Samuelis Baumgarte, Bielefeld · Galerie Blau, Düsseldorf · Galerie Dobler, Essen · Verein zur Förderung von Kunst und Kultur, Süßen · Städtische Galerie Wangen i. Allgäu [G] · KUBO Bremen, „Ich und Du“, Bremer Künstler und auswärtige Künstler-Gäste [G]

1995 Galerie Maria und Joseph, Köln · Städtische Galerie Schranne, Laupheim, „Laupheimer Ansichten“ [G] · Kreissparkasse Saulgau „Stilleben“ [G] · Kunstwoche in der Innenstadt von Langenau [G]

1995-97 Orangerie Draenert, Immenstaad am Bodensee [G] · Art Straßburg [G]

1996 Jubiläumsausstellung „Schrade in eigener Sache" 25 Jahre Galerie Schrade [G]

1998 Galerie Mauz, Ebingen · Galerie Schloß Mochental

1999 Galerie Watzl - Galerie in der Wendelinskapelle, Marbach am Neckar · Galerie am Schloss, Altmannshofen · Atelier Inge Sauren, Eupen/Belgien · Wanderausstellung durch Neufundland und USA

2000 Galerie 40, Wiesbaden · Galerie in der Lände, Kressbronn · Kirsten Kjaers Museum, Dänemark · Malaktion Dresdner Bank, Ulm

2001 Galerie Watzl - Galerie in der Wendelinskapelle, Marbach am Neckar · Orangerie im Fürstlichen Hofgarten, Wolfegg · Städtische Galerie Lände, Kressbronn · Galerie Tobias Schrade, Berlin · Malperformance Zonta Club, Stuttgart

2002 Eröffnungsausstellung zur Einweihung vom Museum und Galerie am Bussen, Uigendorf · Altes Rentamt Mindelheim

2003 Galerie 40, Wiesbaden · "Bilder gegen den Krieg" Galerie Tobias Schrade, Ulm [G]

2005 Eröffnungsaustellung der Galerie Dorothea Schrade, Diepoldshofen

2007 Galerie im alten Bau, Geislingen/Steige 2008 Galerie im Rathaus Süßen

2012 „Die Bilder meiner Mutter“, Galerie Tobias Schrade, Ulm

2014 Galerie im gotischen Haus, Galeriekreis Leutkirch · „Kunst und Kißlegg“ Ausstellung Museum im neuen Schloß Kißlegg · Eventhaus Akademie Amtzell

2015 Ausstellung Haus Tanne, Kreuzthal-Eisenbach

2018 Galluskapelle Winterberg

2019 "In ́s Licht gerückt" - Künstlerinnen 20. Jahrhun- der Oberschwaben, Museum Biberach [G]

2020 "Die Bilder meiner Mutter", Galerie Tobias Schrade, Ulm


[G] Gruppenausstellung

Dorothea Schrade

Bibliographie

Dokumentation der ersten Winterakademie Schloß Kißlegg 1975/76 - Moritat gezeichnet und gereimt von Dorothea Schrade

Dr. Barbara Lipps-Kant: "Künstlerportrait: Dorothea Schrade in Schönes Schwaben, Ausgabe Juli 1986

Dr. Gisela Linder: "Wilder Mohn" Katalog zur Ausstellung Galerie Haus Geiselhart, Reutlingen, 1987

Ulrike Thimme: "Kunst und Besen aller Art" Heft Baden-Württemberg 5/88

Ottmar Bergmann: Katalog "Blüte, Frucht und Fruchtbarkeit" Ausstellung Schloß Mochental, 1989

Dr. Barbara Lipps-Kant: Katalog "Frucht und Blüte" Galerie Kunsthandlung Wild, Lahr, 1991

Künstlerinnen aus Baden-Württemberg von Maria Caspar-Filser bis heute - Katalog zur Ausstellung in der Landesskirokasse Stuttgart 1992

Helmut Engisch: Fischinger Galerie Magazin, Nr. 4, August 1993

Ottmar Bergmann: Katalog "Bilder 1989-93" zur Ausstellung Galerie Haus Geiselhart, Reutlingen, 1993

Dr. Gisela Linder "Lehmhaus", Interview mit Dorothea Schrade in "Künstlerinnen", Nullnummer 1994

"Schrade in eigener Sache", Dokumentation 25 Jahre Galerie Schrade, Sebastian Schrade, 1996

Dr. Gisela Linder "Roter Mohn", Insel Verlag; Umschlag: Dorothea Schrade - "Mohn auf magerem Grund" (Ausschnitt) 1998

Thomas Leon Heck, Joachim Liebchen, "Reutlinger Künstler Lexikon", Nous Verlag, 1999

Barbara Rau "Im alten Pfarrhof ist die Kunst eingezogen" in: "Die Allgäuerin" Frühling 2010

Manfred Thierer, Roland Rasemann "Die Alpen im Blick" Biberacher Verlagsdruckerei, 2013

Susanne Hess "30 Jahre Hess Innenarchitektur" destinatio Verlag, 2013

"Kunst & Kißlegg" Werke aus kommunalem Besitz, Kunstverlag Josef Fink, 2014

Alexander Pohle: "Griaß di Allgäu" J. Berg Verlag, 2017

"Musizieren für Frieden und Toleranz", Kalender, Monika Titelius und Hedi Baumgärtner, 2017

Gisela Sgier: Künstlerportrait Dorothea Schrade, in "Das schöne Allgäu" Heft 1/2019

Dr. Uwe Degreif: Katalog zur Ausstellung "In ́s Licht ge- rückt!" - Künstlerinnen 20. Jahrhunder Oberschwaben, Museum Biberach, 2019

Dr. Daniela Danz, Anton Schmid: "Daß wir es in Fülle haben", Katalog, 2019

 

Veröffentlichungen

"Die wunderbaren Fahrten und Abendteuer", Band 1-3, 1962-1966, unveröffnetliche Manuskripte mit Illustrationen

"Tiergesichter" Für Lisa; Bilderbuch von Dorothea Schrade, 1992

"Daniel und seine Freunde", Bilderbuch von Dorothea Schrade, 1992

"Der Traum", Bilderbuch von Dorothea Schrade nach einer Geschichte von Anton Schmidt, Verlag Galerie Dorothea Schrade, 2007

"Neue und alte Idyllen" Bilder von 1982-2008, Verlag Galerie Dorothea Schrade, 2008

Gedenkfeier für Joseph Bullinger, Diepoldshofen, Dokumentation, 2016

"oh Fortuna du Luder" Geschichten aus meinem Leben, Dorothea Schrade, 2020

Laudatio zur Ausstellung von Dorothea Schrades Mohnbildern

Daniela Danz, Galluskapelle Winterberg am 25. März 2018

Kaum eine Pflanze hat eine solch unmittelbare Symbolkraft wie der Mohn. Man muss nicht wissen, dass Hades ihn der auf den Tod traurigen Demetertochter Persephone gab, als er sie in seine dunkle Unterwelt entführte, um ihren Schmerz zu betäuben und sie ihr Leben auf der Erde vergessen zu machen. Und man muss nicht wissen, dass im Christentum der Mohn als Symbol für das am Kreuz vergossene Blut Christi gedeutet wurde, um zu verstehen, wie untrennbar das Bild pulsierenden Lebens mit der Vergänglichkeit in den zarten blutroten Blättern verknüpft ist, die so kräftig leuchten und doch so schnell dahinwelken.
Dorothea Schrades Mohnbilder, die Sie hier sehen, sind zum Teil schon vor mehr als 30 Jahren entstanden, und trotzdem leuchten sie uns in ihrer Schönheit und ihrem Trotz in unsere Seelen. Ich war nicht dabei bei jenem Gang durch das Kleefeld, in dem im Frühjahr 1986 der Mohn blühte. Aber ich meine, den Moment zu verstehen, in dem eine Gesellschaft innewird, dass die Welt, die sie sieht, nicht mehr die alte ist, obwohl man ihr kaum etwas davon anmerkt. Nichts ist nun mehr wie es war und die Trauer darüber erfasst alles Denken und Fühlen. Es war das Frühjahr 1986 nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl, die die zerstörerische, radioaktive Kraft von mindestens hundert Atombomben entfesselt hat. Ein Supergau für einen Menschen, der sich im tätigen Umgang mit der Natur seines Daseins vergewissert. Der Wind hatte die Wolken mit dem radioaktiven Fallout über Deutschland getrieben und die Natur explodierte, der Klee wuchs fett, der Mohn prangte in einem fremden, giftigen Rot. Der Mensch hatte es geschafft, die Umwelt, von der er lebte, zu vergiften. Was bleibt einer Malerin als hinzuschauen und was sie sieht zu malen. Nein, keine zerbrochenen Brennstäbe, nicht die verlassenen Spielplätze von Prypjat. Sondern das, was sie auf der Kapfenburg und um Schloss Mochental, wo sie damals lebte, umgab und was all das Grauen in sich trug – für den, der verstand. Doch wer versteht? möchte man fragen. Wer versteht heute die Stille am Morgen, in der früher die Vögel sangen, die Stille über den Wiesen, wo früher die Insekten in der Sommerluft brummten. Wir werden weiterleben, auch wenn wir die Blüten der Apfelbäume einzeln mit der Pipette bestäuben müssen, weil wir die Insekten, die das für uns taten, vergiftet haben. Man sollte meinen, es gibt immer eine Stelle zum Wegschauen, eine Stelle, zu der die Augen flüchten können, wenn der Mensch, das Elend, das er mit angerichtet hat, nicht mehr sehen will. Sind die Mohnbilder Dorothea Schrades eine solche Stelle? Kann man sie sich in die Wohnung holen, um die wankende Welt zu stabilisieren? Wenn man sich selbst in die Tasche lügen will, kann man das, natürlich. Aber wenn man mit offenen Augen durch die Welt geht, wird einem nicht verborgen bleiben, wo der Mohn, eine quasi politische Pflanze, noch blüht: an Autobahnrändern, auf Grabfeldern, wie denen des Jugoslawienkrieges, während dem 1993 das Bild „An den Wind geschrieben III“ entstand und auf Brachland, dem letzten Rest eines Landes, dass einmal allen gehörte, der Allmende. Wenn man viel Glück hat, findet man noch einige wenige Exemplare wilden Mohns an Feldrändern. Überall dort jedenfalls, wo nicht gedüngt wird, wo wir die Natur in Ruhe lassen, wo wir einen Streifen nicht bis zur Erschöpfung nutzen, um das Maximale aus ihm herausholen. 
Wenn ich ein Buch über das Sehen schreiben wollte, jenes Sehen, das ein verstehendes ist – mit Augen, die, wie Ossip Mandelstam sagt, „Instrument(e) des Denkens“ sind, ein Sehen, das sieht, was ist und nicht, was es sich wünscht, ein Sehen, das versteht, warum die Wiesen gelb vom Löwenzahn sind, dass die Kühe unvollständig sind, wenn ihnen die Hörner abgeschnitten wurden, und ein Sehen, dass das Potential eines Ortes, eines Menschen, sieht, ein hoffendes Sehen, dass die Welt weit macht, weil es Möglichkeiten zulässt, dann wüsste ich, wen ich vor Augen hätte, um mein Thema im Blick zu behalten: die Malerin Dorothea Schrade. Nicht umsonst bleibt sie der Idee treu, die sie vor mehr als dreißig Jahren mit der Gründung der Missener Werkkurse hatte: Menschen das genaue Sehen, das Hinhören, inzwischen auch das Schreiben, das Bewegen, Spielen und Singen beizubringen. Die zu ihr in die Akademie des Frauenforums für Kunst und Kultur e. V. kommen, wissen das zu schätzen. Sie lernen nicht nur etwas über sich, sondern auch über die Welt. Das tut not in einer Zeit, wo bei ansehnlicher Uninformiertheit am laufenden Band Meinungen kundgetan werden und die Menschen Gespräche damit vertun, sich übereinander aufzuregen. Wenn man Dorothea Schrade in ihrer Galerie besucht und es tut sich eine Frage zur Herkunft eines Wortes auf, die man nicht durch vages Nichtwissen umschiffen möchte, dann holt sie Grimms „Deutsches Wörterbuch“ und schlägt das Fragliche nach. Und so bekommt das Gespräch einen festen Boden, den man durch Stochern im Trüben des eigenen Halbwissens kaum erreicht hätte.
Wenn ich ein Buch über die welterneuernde Kraft der Neugier schreiben wollte, ich hätte meine Muse. Ich würde mir Dorothea Schrade in jeder Faser ihres Seins, ihres inneren und äußeren Seins, soweit ich es fassen kann, vorstellen. Ein Mensch, der offen ist für alles Neue, auch wenn er so vieles gesehen, erlebt, selbst erprobt hat. 
Und wollte ich ein Buch über die weltbewahrende Kraft der Treue schreiben, so wüsste ich auch da, wer meine Muse ist. Diese Frau, die ihren Lebensmaximen und -projekten über Jahrzehnte, ja halbe Jahrhunderte treu bleibt, und damit vor allem sich selbst – was schließlich nicht anders als durch beständige Veränderung möglich ist. 
Und wenn ich ein Buch über die Freude schreiben wollte, Freude, die aus einem Menschen leuchtet, der, wie ich meine, ungefähr alle Gründe kennt, warum uns der Zustand der Welt verzweifeln machen könnte, dann würde meine Muse aussehen wie Dorothea Schrade, im Trotzdem ihres dem Leben zugewandten Wesens, das darin dem Mohn gleicht, aber doch ungleich zäher ist als dieser.
Wenn ich schließlich ein Buch über Erfinder schreiben wollte, so würde ich bei Dorothea Schrade anfangen. Nicht nur, weil sie in der Tat nie hinnimmt, dass etwas mit der fadenscheinigen Begründung, dass man es schon immer so gemacht hat, in ewig sinnlosem Umstand immer weiter so gemacht wird und deshalb praktische Dinge erfindet, sondern auch, weil sie in ihren Bildern gerade nicht ständig zu neuen Sujets springt, sondern die Sensation der Erfindung darin liegt, etwas Bekanntes neu und anders zu sehen: Der Mohn, den ein Mensch betrachtet, nachdem sein lieber Gefährte ihm gestorben ist, ist einer, der so noch nie gesehen wurde. „Dein Herz in meinen Armen“ von 1992 ist das Porträt einer Mohnpflanze unter dem Eindruck des Todes ihres Hundes Joschka. Was Dorothea Schrade ansieht, belebt oder vielmehr beseelt sich in ihrem Blick. Der Grund ihres Lebens ist Tätigsein und Wirken. Man sagt so leichthin, dass jemand wirkt, ohne sich weiter über das Wesen des Wirkens Gedanken zu machen. Dorothea Schrade aber durchwirkt tatsächlich ihr Leben, ihre Umgebung, sie wirkt Farbe hinein, sie hinterlässt Spuren. Nicht die konsumistischen Furchen, die wir alle hinterlassen – davon hinterlässt sie sogar weniger als alle anderen Menschen, die ich kenne – sondern Spuren in Menschen, die denjenigen, die davon Gebrauch machen können, Ausblicke aufzeigen in die Weite einer frei atmenden Seelenlandschaft. Sie ist ein unteilbarer Mensch. Ein guter Künstler muss kein guter Mensch sein, aber wenn sein Leben als Werk nicht am Leinwandrahmen endet, wirkt er gleichermaßen in der Kunst und im Leben, was Friedrich Hölderlin mit dem Vers gefasst hat: „voll Verdienst, doch dichterisch wohnet/ Der Mensch auf dieser Erde“.
Eine Kapelle auf einer Anhöhe mitten in der Landschaft ist ein guter Ort, um Dorothea Schrades Bilder zu zeigen. Ein Ort nämlich, der über sich hinaus verweist und als Symbol die Landschaft gleichermaßen auflädt und als sie selbst deutlich werden lässt. In den Mohnbildern ist der Mohn in erster Linie ein Anblick, der Freude und Leben in sich birgt und der doch, wenn man will und wenn man sehen kann, in seiner verschwendenden Pracht die Vergänglichkeit in sich trägt. Und auch der Hausheilige dieser Kapelle, St. Gallus, wird seine Arme schützend über die Bilder an den Wänden breiten. Nicht nur, weil ihn mit Dorothea Schrade die Liebe zu den Hühnern verbindet, sondern auch wegen jener Geschichte mit dem Bären, vor dem er nächtens am Feuer so gar keine Angst zeigte, sondern statt dessen vernünftig mit ihm sprach, so dass das Tier ebenfalls ganz verständig reagierte und ein Scheit Holz nachlegte – was nichts anderes bedeutet, als dass, wer an das Gute in der Kreatur glaubt, sich nicht zu fürchten braucht. Möge etwas von dieser Kraft des heiligen Gallus, der Malerin Dorothea Schrade, ihrer Mohnbilder und dem heutigen Palmsonntag auf die Besucher der Kapelle übergehen, damit auch sie jene Schönheit sehen können, die uns, wenn auch bedroht, so doch mit ungebrochenem Lebenswillen von den Rändern der Autobahnen entgegen prangt.